Konfrontationstherapie

Das Diktat

(Ein dystopischer Roman mit Kurzgeschichten)

Kapitel 1: Beständige Angst

Ein Lied von Freiheit

Still und heimlich hatte sie ein Stück Kreide aus dem Klassenzimmer mitgenommen. Spielen war strikt verboten, doch sie hatte ein Lied im Kopf und das erzählte von großen Sprüngen, die einen über alles erheben konnten. Eine geheime Botschaft, ein von Unbekannten erdachter Fluchtplan, der seit eh und je durch ihre Hirnwindungen spukte. Sie gehörte dort nicht hin; sie sollte hüpfen, springen, die Schwerkraft herausfordern und nicht reglos auf einem Stuhl in einem viel zu engen Raum sitzen, zuhören, um niemals zu vergessen, dass der Zweck alles bestimmte, was zu tun war, was zu sagen war, was zu denken erlaubt war. Niemals sollte sie jemandem von den Rufen erzählen, so hatte sie beschlossen, niemals auch nur ein Wort zu sprechen. So konnte sie sicher sein, dass ihre Existenz von minderem Interesse war und sie sich nicht verraten würde.

Die Kreide in der Faust ihrer Hand verbergend ging sie auf die Rückseite des Gebäudes der Indoktrinieranstalt. Dort unter einem kahlen, sterbenden Baum, an dem man Blätter aus Metall aufgehängt hatte, malte sie Kästchen auf den Boden, in die sie die Zahlen von eins bis null schrieb, so wie sie es von den Stimmen gesagt bekam. Sie musste sich beeilen, die Pause war fast vorüber. Würde man sie entdecken, würde die Strafe schrecklich sein. Es ging das Gerücht um, man würde unter die Erde verbannt und müsse für den Rest des Lebens, welcher dann zwar nicht mehr allzu lang war, aber doch lang genug um zu verzweifeln, einen Text abschreiben. Immer wieder eine Kopie einer Kopie erstellen.

Sie warf einen kleinen Stein, von denen viele auf dem asphaltierten Boden lagen, er landete auf der Null.

Den Gesang begleitend stimmten Streicher in das Lied in ihrem Kopf ein und brachten es zu einem Crescendo. All die Jahre hatte sie damit verbracht heimlich Mut zu sammeln. Auf kleine Zettel hatte sie ihn geschrieben, die sie in den Taschen ihrer Hose, ihres Kittels und ihrer Jacke aufbewahrte. Nun strömten die Zettel, getragen von der Melodie heraus und verliehen ihr Flügel. Sie sprang auf das erste Feld, noch unbeholfen und zaghaft. Nummer zwei und drei fielen ihr schon leichter und machten auch Spaß. Vier, voller Kraft und Freude über die neue, noch teilweise unbekannte Bewegung. Fünf, ihr Körper bebte unter der Anstrengung, doch die Stimmen spendeten ihr neue Energie. Sechs, Hoffnung keimte in ihr auf, sie würde entkommen. Sieben, der Gesang wurde lauter, fast glaubte sie, er schalle aus ihren Ohren, wie aus Lautsprechern. Acht, die Pausenglocke läutete, die vielen Füße der in das Gebäude marschierenden Kinder ließen die Erde erzittern. Doch sie ließ sich nicht beirren, sie folgte nicht den Regeln der Anderen. Neun, ein Insekt starb unter ihren Füßen und ein Lehrer kam um die Ecke. “Halt!”, rief er herrisch. Mit einem Lächeln beugte sie sich vorwärts, hob den Stein auf, der die Form eines Schlüssels angenommen hatte und hüpfte ein letztes Mal. Die Null öffnete den Boden. Das Mädchen rutschte durch einen Tunnel. Hinter ihr schloss sich die Erddecke, bevor der Lehrer den Spielort erreichen konnte.

Am Ende des Tunnels landete sie in einem langen Flur. Das Lied ist verstummt. In ihr und um sie herum war es war nun ganz still. Sie konnte nicht sagen, ob sie sich nun über, unter oder neben der ihr bisher bekannten Wirklichkeit befand. Woanders war sie, das stand fest. Der Boden unter ihren Füßen erschien organisch. Ein wenig sah er aus als sei er mit Herzen gepflastert. Er schimmerte rötlich, war weich und pulsierte. Vorsichtig ging sie einen Schritt, er gab unter ihrem Gewicht nach. Beunruhigt ging sie weiter und weiter, um dem Boden nicht allzu sehr weh zu tun. Dann entdeckte sie, dass in die Wände Fenster eingesetzt sind. Ihre Neugierde war groß, deshalb öffnete sie eines.

Sie blickte erwartungsvoll hinaus und sah den Lehrer, der sie entdeckt hatte, wie er sich die Haare raufend um das Hüpfspiel wanderte und dabei ein besorgtes Gesicht machte. Sie zuckte mit den Schultern und lief zum nächsten Fenster. Sie öffnete es ebenfalls. Dahinter bereitete sich eine ähnliche Szene, nur hatte sich nun die Polizei zu dem Lehrer gesellt. Sie konnte nicht hören, was sie sagten, aber auch die Polizisten schienen die Situation zu bedauern. Sie schickten den Lehrer weg und machten sich daran, das Spiel wegzuwaschen. Der Baum hatte die metallenen Blätter abgeworfen, wie ein Grabhügel lagen sie nun dort. Sie verstand all dies nicht. Sich mehr Informationen erhoffend öffnete sie das nächste Fenster. Wieder war dort der Lehrer zu sehen. Dieses Mal befand er sich in ihrer Klasse. Sie erkannte die leeren Gesichter ihrer Mitschüler. Der Lehrer sagte irgendetwas, woraufhin alle betrübt die Köpfe senkten. Konnte es tatsächlich sein, dass ihr Verschwinden Trauer in den Gefühlskalten auslöste? Es geschah nichts weiter in der Klasse so ging sie zum nächsten Fenster.

Abermals war dort der Lehrer, in dessen Gesicht Spuren der Erschöpfung abzulesen waren. Er befand sich in einem Raum, der ihr wohl bekannt war. Es war das Wohnzimmer ihres Elternhauses und da waren auch ihre Mutter und ihr Vater, beide in Tränen aufgelöst. Da fing auch das Mädchen an zu weinen. Sie streckte ihre Hände aus, wollte durch das Fenster zurückklettern, zurück in jene Welt des vorgeschriebenen Lebenszwecks. Doch ihre Füße klebten am Boden fest. Erst jetzt, wo sie sie verlassen hatte, erkannte sie die Zuneigung ihrer Eltern, die sie trotz ihrer Stummheit nie im Stich gelassen hatten. Schmerzerfüllt rannte sie den Flur entlang, ignorierte die weiteren Fenster. Sie wollte der Konsequenz ihres Spiels entkommen, doch der Flur nahm kein Ende. Irgendwann sank sie erschöpft auf die Knie. Ihr Körper war eine solche Verausgabung nicht gewöhnt. Ihre Hände versanken zwischen den pulsierenden Weichkörpern. Sie steckte bereits bis zu den Ellenbogen fest, als sie sich dessen gewahr wurde.

Die Herzen lebten, aber sie waren kalt wie Eis.

Erschrocken richtete sie sich wieder auf. Ihre Arme waren blutverschmiert. Sie wollte fliehen, sie wollte zurück. Panisch begann sie auf der Suche nach einem Ausgang jedes einzelne der unendlich vielen Fenster aufzureißen.

Ein Mann, der den Mond fegte; verwelkte Blumen auf einem verstaubten Tisch in einer Gefängniszelle; eine enge Straße zwischen Backsteinhäusern, deren Wände mit Graffitis voller Hass beschmiert waren; offenes Meer in dem vereinzelt blutende Körperteile schwammen; ein gläsernes, leeres Haus inmitten einer verbrannten Landschaft; eine große Wiese auf der briefkastengroße, fleischfressende Pflanzen wuchsen; eine Frau, die dünn wie ein Skelett auf einer Liege an einem Pool lag und sich die krallenartigen Fingernägel feilte; ein Baby schlafend in einem Bett, um das herum Bärenfallen aufgestellt waren; ein Junge, der sich selbst die Federn ausrupfte, die seinen ganzen Körper bedeckten. Sofort wuchsen neue nach. Er saß auf einem hohen Berg aus Federn. Ein Mädchen, das von Kabeln durchbohrt an einem Lampenschirm hing. Sie hob den Kopf und öffnete die Augen, aus denen scheinwerferhelles Licht strömte. Ein Obdachloser, der im Müll wühlte, sie erkannte das Bedauern im Gesicht des ehemaligen Lehrers.

Ein Flur, dessen Boden mit Herzen ausgelegt zu sein schien, im Hintergrund eine Wand mit einer Aufschrift.

Sie kletterte durch das Fenster und ging zu der Wand, auf der in verschnörkelter Schrift geschrieben stand: “Leg’ dein Herz nieder und lass’ es ruhen, verlorene Seele”. Auf einer niedrigen Stufe vor der Wand lag ein Skalpell.

Zitternd legte sie den Stift nieder und faltete schnell das Papier, ohne die Worte noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Das Zettelknäuel ließ sie verschwinden. Es wurde, so wie alle anderen, in der Kiste verstaut, die sie unter einer losen Diele im Flur versteckte. Kein allzu ungewöhnliches Versteck, wie sie fand. Und dennoch ruhte all ihre Hoffnung darauf, dass es niemals jemand finden würde.

Draußen ertönten die Sirenen. Es war Zeit das Licht zu löschen und schlafen zu gehen. Im Bett lag sie noch lange wach. Es war sehr still in dieser Nacht. Die patrouillierende Wörterrettung schien diese Nacht niemanden zu verfolgen. Waren bereits alle Aufsässigen gefasst worden? Waren nun alle einverstanden? Ihre Gedanken kehrten zurück zu der Geschichte, die sich gerade aus ihrem Verstand gelöst hatte. Freiheit. War sie frei? Was bedeutete das noch? Früher hatte sie sich über solche Fragen keine Sorgen gemacht. Sie ging weiterhin ihrer Arbeit in der Knopffabrik nach. Sie konnte sich nicht um den Verlust von Freunden beschweren, denn sie hatte ihr Leben lang nur lose Bekanntschaften gepflegt. Sie ging nicht mehr aus, es war verboten. Sie redete nicht mehr so viel, denn sie konnte es schlicht nicht. Es fehlten ihr die Worte.

Statt sie laut auszusprechen spukten sie nun in ihrem Kopf. Lebhafter und facettenreicher als je zuvor. Sie ließ ihre Gedanken wandern. Aber durfte sie das überhaupt? Sie nahm sich die Freiheit zu denken. Was war die Strafe dafür? Die Angst packte sie erneut. Wann würde man sie entdecken? Würde man sie verhaften? Was würde dann mit ihr geschehen? Erst gestern musste sie nach der Arbeit zum wiederholten Mal einer Exekution beiwohnen. Ein Mann wurde erhängt, weil er behauptet hatte, die Wörterrettung würde nicht zum Wohl aller handeln. Er hatte immer wieder ‚Nein‘ und ‚mehr Wörter‘ gerufen. Ihr Atem ging schneller. Sie musste sich beruhigen. Leise flüsterte sie in sich hinein: „Ja, ja, ja, ja, ja, ja….“. Es tat gut ihre Stimme zu hören.

Sie sagte ‚Ja‘ bis sie sich beruhigt hatte und Schlaf finden konnte, denn es war das Einzige, was sie zu sagen fähig war.